Karlheinz Weißmann im Interview mit “Der blaue Kanal”:

Der Blaue Kanal:

Sehr geehrter Herr Dr. Weißmann, der Volksbegriff scheint plötzlich unklar zu werden. Die Kanzlerin behauptet, Volk sei jeder, der sich zufällig in Deutschland aufhält. Im Grundgesetz steht, das Volk seien die Staatsbürger. Nach einem völkischen Volksbegriff besteht das Volk nur aus diejenigen deutscher Abstammung. Wie kann man heute überhaupt noch sinnvoll von Volk sprechen?

Karlheinz Weißmann:

Zuerst einmal, auch wenn mancher das heute nicht gerne hört: Es ist unbestreitbar, dass alle europäischen Großvölker eine ethnische Identität haben. Auch das Grundgesetz geht nicht einfach von einer Staatsbürgernation aus. Es kennt ausdrücklich den Begriff der „Volkszugehörigkeit“, die durch Abstammung einerseits, durch Bekenntnis zum deutschen Volk andererseits bestimmt sein kann. Klar ist aber auch, daß Volk keine Naturgröße ist, wie man sich das zur Zeit der Romantik dachte. Volk ist eine historische, in der Geschichte gewachsene Größe.

Völker sind Gemeinschaften von hinreichendem zahlenmäßigen Umfang, die auf einem bestimmten Territorium leben, gemeinsame Erfahrungen haben, bestimmte gemeinsame kulturelle Merkmale, im Regelfall als Heiratsgemeinschaften fungieren und unter bestimmten Umständen eine politische Form annehmen. Das müssen sie aber nicht. Es sind viele Völker bei diesem Versuch gescheitert. Nehmen Sie die Waliser oder Bretonen, die erfüllen alle objektiven Kriterien, sind also Völker, und doch ist es ihnen nie gelungen, auf Dauer einen eigenen Staat zu errichten.
„Der Nationalstaat ist sozusagen das Volk in seiner politischen Form“

Es gibt aber eine Grundtendenz der europäischen Völker, sich einen Staat zu verschaffen. Und die hat sich im 19. Jahrhundert in der Gründung von Nationalstaaten geäußert. Der Nationalstaat ist sozusagen das Volk in seiner politischen Form. Die verstand sich aber nie von selbst, sondern war die Konsequenz von Machtkämpfen und Entscheidungen und eines gigantischen Erziehungsprozesses, der vor allem einherging mit allgemeiner Schulpflicht und allgemeiner Wehrpflicht. So hat bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts jeder kleine Italiener, jeder kleine Franzose, jeder kleine Spanier, jeder kleine Deutsche gelernt, was es überhaupt heißt, ein Deutscher, ein Spanier, ein Franzose, ein Italiener zu sein.

Wichtig ist aber auch, daß solche Erziehung nicht im luftleeren Raum erfolgreich sein kann. Die Deutschen, Spanier, Franzosen, Italiener mußten glaubwürdig finden, was ihnen als „typisch deutsch“, „typisch spanisch“, „typisch französisch“, „typisch italienisch“ präsentiert wurde. Sie mussten sich darin wiedererkennen. Da geht es um Selbstzuschreibung und um Fremdzuschreibung. Natürlich hat Identität immer auch mit Absetzung und Entgegensetzung zu tun. Wenn das ignoriert wird oder die Trennschärfe nachläßt, wirft das Probleme auf.

Lassen Sie mich das Gemeinte an einem Beispiel illustrieren: Ich hatte mal eine Diskussion, in der ging es auch um die Frage, wie bestimmt wird, wer Jude ist, also wer zum jüdischen Volk gehört. Ich sagte etwas lapidar: „Das ist nach jüdischem Verständnis jeder, der eine jüdische Mutter hat.“ Daraufhin platzte eine junge Frau mit der Bemerkung heraus: „Da bin ich froh, dann ist endlich klar, was ich bin. Ich bin Türkin.“ Ich war etwas verblüfft, und sie fügte hinzu: „Na, ich habe zwei Pässe, und eigentlich weiß ich immer nicht, ob ich Deutsche oder Türkin bin, aber wenn meine Mutter Türkin ist, wäre das geklärt.“ Man sieht daran: gemeinschaftliche Identität ist keine einfache Sache, sie ergibt sich nicht von selbst, sie bedarf immer der Vermittlung, der Erziehung, wie ich vorhin sagte. Sonst kommt es zu Verwerfungen wie im erwähnten Fall.

Hier geht es zum kompletten Interview: Der blaue Kanal